forum.wir-bei-netto.de

Forum für Netto-Beschäftigte & KundInnen
Aktuelle Zeit: 30 Okt 2014, 18:36

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 5 Beiträge ] 
Autor Nachricht
BeitragVerfasst: 27 Jul 2012, 18:57 
Offline

Registriert: 24 Jul 2012, 17:15
Beiträge: 21
Am Dienstag haben wir unsere Aktion "Netto mailen!" gestartet. Bereits am darauffolgenden Tag gab es erste Reaktionen auf unsere E-Mail-Kampagne seitens Netto. Und zwar erhielten diejenigen, die an der Kampagne teilnahmen, kurze Antwortschreiben des Netto-Kundenservice.

Im folgenden möchte ich einen digitalen Briefwechsel zwischen dem Netto-Kundenservice und einem Kollegen, nennen wir ihn XY, dokumentieren:

Die Korrespondenz startet mit dem E-Mail-Text unserer Kampagne, den ihr vermutlich alle kennt. (Wenn nicht, einfach auf der Netto-Blog Seite unter Aktion "Netto mailen!" klicken und mitmachen! Da findet sich nämlich auch der Kampagnentext.) Verschickt wurde dieser am 24.07.2012 an Netto.

Einen Tag später, am 25.07.2012, dann das Antwortschreiben von Herrn Hofgärtner, Mitarbeiter im Netto-Kundenservice. Es ist schnell erkennbar, dass es sich dabei um eine standardisierte Antwort handelt. Das ist gar nicht mal so schlimm, da die EDEKA-Tochter Netto in den nächsten Wochen durchaus mit einer vermehrten Anzahl an gleichlautenden Anfragen rechnen muss. ;)

Es wundert allerdings, mit welch merkwürdigen Argumentationslinien diese Standardantwort auffährt. Entweder die Verantwortlichen im Kundenservice verfügen nur über ungesundes Halbwissen bzgl. der Göttinger Filialschließungen oder aber hier werden aktiv Fakten verdreht. Sowohl die erste als auch die zweite Annahmen lassen den Netto-Kundenservice nicht gerade in einem rosigen Licht dastehen ...

Herr Hofgärtner schreibt:

+++

Sehr geehrter Herr XY,

zur Stärkung unserer weiteren Wettbewerbsfähigkeit haben wir 4 Standorte schließen müssen, da diese aktuell keine positive Entwicklung erwarten lassen. Die betroffenen Filialen entsprechen nicht mehr den modernen Standortkriterien zur optimalen Realisierung des Unternehmenskonzeptes. Mitarbeiter der betroffenen Filial-Standorte werden je nach Möglichkeit in umliegenden Netto-Filialen weiterbeschäftigt.
Zudem haben im Großraum Göttingen weder Stadt noch Gemeinde die Expansionspläne von Netto Marken-Discount bisher unterstützt. Netto Marken-Discount konnte aufgrund der fehlenden Unterstützung zur Stärkung seiner Marktpräsenz in der Region keine attraktiven Neustandorte erschließen.
Im Rahmen der weiteren Filialexpansion legt Netto Marken-Discount den Fokus auf qualitativ hochwertige Standorte, die den stetig wachsenden Ansprüchen der Kunden gerecht werden. In den kommenden Jahren setzen wir unseren Schwerpunkt auf die Modernisierung bestehender Flächen. Darüber hinaus werden in Abhängigkeit zur wirtschaftlichen Filialentwicklung Altstandorte geschlossen und neue Vertriebsregionen erschlossen.


Mit freundlichen Grüßen
Netto Marken-Discount AG & Co. KG
Industriepark Ponholz 1
93142 Maxhütte-Haidhof

Franz Hofgärtner
Teamleiter Kundenservice
Marketing

+++

Daraufhin schickt der Kollege XY noch am selbigen Tage auf gleichem Wege ein Antwortschreiben, in dem einige der Aussagen zurechtgerückt wurden:

+++

Sehr geehrte Damen und Herren,

die von Ihnen gemachten Kernaussagen in Ihrer kurzen Standardantwort entbehren offenbar jeglicher realen Grundlage.
Im einzelnen:

1. Keine positive Entwicklung der vier Filialen: Den mir vorliegenden Daten kann ich entnehmen, dass alle vier Filialen schwarze Zahlen geschrieben und auch innerhalb des Netto-eigenen Umsatz-Benchmarkings für Filialen dieser Größe gelegen haben.
Dass die Filialen nicht mehr "modernen Standortkritierien" entsprechen liegt v.a. daran, dass Netto Markendiscount seit geraumer Zeit in diesen Filialen gar nicht mehr in Ausstattung mit Mobiliar (insb. ergonomisch ausgerichtete Kassenstühle) und Technik (u.a. fehlende Hubwagen, teils dauerhaft defekte Müllpressen) investiert hat. Stattdessen wurde auf maximale Abnutzung gesetzt, um Kosten zu Lasten des Arbeits- und Gesundheitsschutzes der Mitarbeiter sowie zu Lasten der notwendigen betrieblichen Instandhaltung einzusparen.

2. Die Aussage, es habe fehlende Unterstützung der Stadt Göttingen hinsichtlich der "Expansionspläne von Netto Marken-Discount" gegeben, entspricht in keinster Weise den Tatsachen. Im Bauausschuss des Rates der Stadt Göttingen lag ein Antrag Nettos vor auf Erweiterung einer bestehenden Filiale (900qm). Diese wurde seitens des Bauausschusses mit kleineren Änderungen grundsätzlich befürwortet, wobei der Bauausschuss die Flächenerweiterung lediglich auf 800qm eingeschränkt hat. In der Öffentlichkeit und jetzt auch erneut hier im Schreiben zu behaupten, Netto sei bei seinen Bemühungen durch die Kommune nicht unterstützt oder gar behindert worden, ist völlig aus der Luft gegriffen und schlicht wahrheitswidrig.

3. Während Sie öffentlich behaupten, Schuld an den Filialschließungen sei die Blockadehaltung der Stadt Göttingen - eine Aussage, die seitens des Göttinger Oberbürgermeisters Wolfgang Meyer und durch Mitglieder des Bauausschusses anhand der eingebrachten Dokumente bereits öffentlich widerlegt wurde - wird parallel dazu durch die Netto-Geschäftsleitung innerhalb der Belegschaft Ihres Unternehmens die wahrheitswidrige Aussage gestreut, Schuld an den plötzlichen Filialschließungen sei die Gewerkschaft ver.di und ihre ver.di Vertrauensleute vor Ort. Ganz abgesehen davon, dass eine Gewerkschaft in der geltenden Rechtsordnung keinen unmittelbaren Einfluss auf die letztendliche Verfügungsgewalt des Unternehmenseigentümer hat (Stichwort: Unternehmerische Freiheit), wird dabei suggeriert, die Dienstleitungsgewerkschaft ver.di habe die Arbeitssituation der Mitarbeiter verschlechtert. Das Gegenteil ist der Fall: Es waren gerade ver.di und die gewählten Vertrauensleute, die seit langem immer wieder Verstöße der Netto Markendiscount gegen den geltenden Arbeitsschutz, gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz sowie Verstöße gegen den mit Netto vereinbarten Tarifvertrag (insb. im Bereich der Eingruppierungen sowie der tarifvertraglich vereinbarten Lohnhöhe) offengelegt haben. Anstatt diese Verstöße gegen Gesetzesnorm und Tarifvereinbarung eigenständig als zentrale Geschäftsführung zu beseitigen, wurde in den Filialen Druck auf die ver.di Vertrauensleute ausgeübt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Ihr Unternehmen hier gezielt gewerkschaftsfreie Zonen schaffen will und systematisches "Union-Busting" betreibt. Gespräche der Gewerkschaft ver.di mit der regionalen Geschäftsführung Ihres Unternehmens sind bereits nach zwei gemeinsamen Verhandlungsterminen ergebnislos abgebrochen worden, weil Netto Markendiscount keinerlei Bereitschaft gezeigt hat, auf die Einhaltung der Standards und die berechtigten Forderungen der Belegschaft überhaupt einzugehen. Stattdessen wurden im Juni 2012 vier von sieben Göttinger Filialen überfallartig geschlossen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Beschäftigten.

Fakt ist, dass diese Art des schnellen Netto-Filialsterbens bei Nacht und Nebel (die Mitarbeiter wurden am Tag der Filialschließung erstmals über die Schließung informiert, die Kunden erst nach der Schließung per Aushang) in den letzten Jahren bundesweit einzig in Göttingen stattgefunden hat, und zwar gerade in denjenigen Filialen, in denen gewählte gewerkschaftliche Vertrauenleute von ver.di arbeiteten, übrigens die ersten Vertrauensleute überhaupt bundesweit bei der EDEKA-Tochter Netto.

Netto Markendiscount scheint ein gestörtes Verhältnis zur grundgesetzlich garantierten Koalitionsfreiheit zu haben, wenn mit solch brachialen Methoden gegen gewerkschaftliche Strukturen im Unternehmen vorgegangen wird. Es stellt sich durchaus die Frage, warum gerade die EDEKA-Gruppe, die sonst in Ihren Werbekampagnen mit Nachhaltigkeit, fairem Handel und sozialem Engagement wirbt, beim Thema gewerkschaftlicher Rechte derart aus dem Häuschen gerät. Netto und die EDEKA sollten die Realitäten akzeptieren, dass sie den Fortschritt nicht zurückdrehen können: Die Gewerkschaften mit ca. 7 Mio. Mitgliedern bundesweit (davon 2,1 Mio. ver.di Mitglieder) sind heute ein realer Faktor in der Arbeitswelt, auch im Einzelhandel und auch bei Netto. Anstatt im Betrieb eine hochnotpeinliche Hexenjagd auf engagierte Gewerkschafter zu veranstalten, stünde es Ihnen besser zu Gesicht, lieber in direkte Verhandlungen mit ver.di und den gewählten ver.di Strukturen zu treten. Andernfalls befürchte ich, dass Netto in den kommenden Jahren ein dauerhaftes Image-Problem bekommen wird. Was es an (auch finanziellen) Einbußen bedeuten kann, wenn das eigene Unternehmen (offenbar nicht zu Unrecht) in der Öffentlichkeit als gewerkschaftsfeindliche Ausbeuterbude, in der Arbeitnehmerrechte und gesetzliche Standards mißachtet werden, firmiert, hat in der Vergangenheit das Beispiel LIDL eindrücklich gezeigt. Es liegt letztlich an Ihrem jetzigen und künftigen Verhalten, ob Netto mit diesem Negativimage zu kämpfen haben wird oder nicht.


Mit freundlichen Grüßen

XY

+++

Am 27.07.2012 nun antwortet Herr Hofgärtner erneut mit einer freundlichen E-Mail, in der auf einen Brief (diesmal ganz offensichtlich nicht nur Textbausteine) im Anhang verwiesen wird. Unter dem etwas schrulligen Dateinamen "Kundenreklamation Hr. XY" fand sich dort folgender Wortlaut:

+++

Ihr Anschreiben vom 25. Juli 2012


Sehr geehrter Herr XY,

besten Dank für Ihr Anschreiben vom 25. Juli 2012 und der damit signalisierten Diskussionsbereitschaft zu Ihren Fragen bzgl. unserer vier Filial-Schließungen in Göttingen:

Die einmalige Wettbewerbssituation im deutschen Lebensmitteleinzelhandel erfordert neben hoher Produktqualität und günstigen Preisen insbesondere ein optimales Einkaufserlebnis für unsere Kunden. Diese Kriterien sind maßgeblich entscheidend, um in der Branche langfristig erfolgreich zu sein. Entsprechend legt unsere Expansionsstrategie den Fokus auf die Erschließung attraktiver Filialstandorte, die Modernisierung und Erweiterung bestehender Standorte sowie die Schließung von Märkten, die nicht mehr den heutigen Standortkriterien entsprechen.

Unsere Analysen zeigen, dass die vier geschlossenen Märkte u.a. aufgrund der kleinen Verkaufsflächen keine wachsende Rentabilität zulassen. Die Standorte, welche im Rahmen der Plus-Übernahme in unser Filialnetz integriert wurden, sind mit Verkaufsflächen von deutlich unter 450 qm weit unterhalb unseren Standardvorgaben.

Sie sprechen interne Unternehmensdaten an, die einen positiven Umsatz der Schließungsstandorte belegen. Entscheidend für die langfristige wirtschaftliche Rentabilität ist jedoch die Einbeziehung aller wirtschaftlichen Kennzahlen. Fakt ist, dass die geschlossenen Filialen eine negative Entwicklung im Gesamtergebnis aufwiesen und somit nicht wirtschaftlich weiter betrieben werden konnten.

Auch Ihre Befürchtung, wir würden in unseren Göttinger Filialen beim Arbeits- und Gesundheitsschutz sparen, ist nicht zutreffend: Die Einhaltung aller arbeits- und gesundheitsschutzgesetzlichen Vorgaben ist für uns selbstverständlich.

In diesem Zusammenhang gehört es selbstverständlich auch zu den Unternehmensvorgaben von Netto Marken-Discount, das Jugendschutzgesetz stets einzuhalten.

Bei etwaigen Verstößen gegen Vertragsabsprachen oder sonstige Vorgaben stehen unseren Mitarbeitern bundesweit Betriebsratsansprechpartner sowie ein unabhängiger Ombudsmann zur Verfügung. Als einziger Lebensmittel-Discounter in Deutschland mit flächendeckenden Betriebsratsstrukturen haben die Arbeitnehmer-Belange für uns hohe Bedeutung. Der aktive Dialog mit ver.di wird von uns gelebt: Entsprechend widersprechen Ihre Vorwürfe, wir würden „gewerkschaftsfreie Zonen“ schaffen, grundsätzlich unserer gelebten Praxis.

Durch die Schließung der City-Filialen in Göttingen gab es keinerlei Verschlechterung bei den Konditionen für die betroffenen Mitarbeiter: Alle Mitarbeiter haben ein Angebot erhalten, zu gleichen Konditionen in einem nächst gelegenen Standort weiter zu arbeiten.

Abschließend grenzen wir uns klar von Ihrem Vorwurf ab, wir hätten durch die Schließung der unrentablen Standorte gegen die Koalitionsfreiheit verstoßen. Die Koalitionsfreiheit umfasst beispielsweise die Mitgliedschaft in einer Vereinigung, somit auch bei der Gewerkschaft. Für uns ist es völlig egal, ob ein Mitarbeiter in der Gewerkschaft ist oder nicht. Bei Netto Marken-Discount gilt der Gleichbehandlungsgrundsatz unter Beachtung der jeweiligen Gesetze.
Unsere zuständigen Betriebsräte standen zudem unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vertrauensvoll und beratend zur Seite. Wir haben uns im Zuge der Schließung nachweisbar an geltendes Recht und Gesetz gehalten.

Wir hoffen, wir konnten Ihre Fragen umfassend beantworten.

Mit freundlichen Grüßen


Netto Marken-Discount AG & Co. KG

+++

Also fassen wir die Aussage dieses Schreibens mal zusammen:

1. Die Filialen seien unrentabel gewesen, daher die Schließung. Grund sei v.a. die kleine Verkaufsfläche gewesen. Das habe die "Expansionsstrategie" gestört.

2. Es wird bestätigt, dass die internen Unternehmensdaten "einen positiven Umsatz der Schließungsstandorte belegen". Also am Umsatz scheint es nicht gelegen zu haben. Stattdessen habe es an anderen "wirtschaftlichen Kennzahlen" gelegen (welchen?), die zu "einer negativen Entwicklung im Gesamtergebnis" geführt hätten. Die Filialen hätten daher "nicht wirtschaftlich weiter betrieben werden" können.

3. "Die Einhaltung aller arbeits- und gesundheitsschutzgesetzlichen Vorgaben ist für uns selbstverständlich." - Warum gibt es dann immer noch keine ergonomischen Kassenstühle, die die Mitarbeiter schon vor Monaten mittels einer Postkartenaktion und in zwei offiziellen Verhandlungssitzungen zwischen Netto und ver.di als ein zentrales Anliegen eingefordert hatten? Und warum gab es nicht überall brauchbare Hubwagen? Wie sieht es damit aus, dass Kollegen unbezahlte Vor- und Nacharbeit leisten müssen (also für lau arbeiten sollen)? Und ist systematisches Mobbing, wie es ver.di nachgewiesen hat, etwa mittlerweile eine anerkannte Maßnahme des Gesundheitsschutzes? :o

4. "In diesem Zusammenhang gehört es selbstverständlich auch zu den Unternehmensvorgaben von Netto Marken-Discount, das Jugendschutzgesetz stets einzuhalten."
Das müssen ja merkwürdige Ausbildungsrahmenpläne sein, die Azubis dazu verdonnern, jeden Tag in der Woche 7-8 Stunden an der Kasse zu sitzen. Eigentlich geht es ja um Ausbildung, also das Erlernen von verschiedenen im Beruf ausgeübten Tätigkeiten. Beim stundenlangen Einscannen von Artikeln an der Kasse dürfte der Lerneffekt relativ gering sein. Das wäre so, als würde ein Elektriker-Azubi nur Glühbirnen einschrauben oder der Bäcker-Azubi nur Brötchen formen. Die moderne Berufswelt, das müsste auch Netto wissen, ist wesentlich komplexer. Da reicht ein Blick in den Ausbildungsrahmenplan.
Aber vielleicht geht es Netto gar nicht um gute Ausbildung, sondern nur um billige Arbeitskräfte, die für 2,50 EUR pro Stunde die Arbeit machen, die geringfügig Beschäftigte mit 7,50 EUR verrichten und gelernte Verkäufer gar mit 13,50 EUR. (Die Differenz zwischen 2,50 EUR und 13,50 EUR sind immerhin 11 EUR pro Stunde und Arbeitskraft - nicht schlecht, Herr Specht!)
Und gehen wir noch einen Schritt weiter: Entspricht es wirklich dem Jugendarbeitsschutzgesetz, wenn Azubis (wie geschehen) eigenständig die Marktleitung aufgebrummt bekommen? Sind sie dafür eigentlich qualifiziert, schließlich müssen sie ja als Marktleitung auch eigenständig Entscheidungen fällen? Und wenn die Azubis (also Auszubildende) den Markt leiten (also die höchste Funktion in der Filiale haben), wer ist dann eigentlich ihr Ausbilder vor Ort? Sollen die sich vielleicht am Ende gar selbst ausbilden?

5. "Als einziger Lebensmittel-Discounter in Deutschland mit flächendeckenden Betriebsratsstrukturen haben die Arbeitnehmer-Belange für uns hohe Bedeutung."
Tjaja, über die Betriebsratsstrukturen ließe sich einiges sagen, aber mensch soll ja nicht schlecht über die Kollegen reden. Fakt ist allerdings, dass die Betriebsratsvorsitzende der Unternehmerseite offenbar wesentlich näher steht als den Mitarbeitern. Anders lässt es sich nicht schlüssig erklären, warum Frau P. nicht die Forderungen der Kollegen vertritt, sondern bei den bisherigen zwei (ergebnislosen) Verhandlungen hier in Göttingen in den Geschäftsführungschor einstimmt. Es ist auch ein merkwürdiges Betriebsratsklima, wenn gegen Nacht-und-Nebel-Filialschließungen seitens des Betriebsrats kein Veto eingelegt wird. Noch merkwürdiger wird es, wenn die Betriebsratsvorsitzende, Frau P., bei den Filialschließungen anwesend ist und dabei beim Aufschwatzen von Änderungsverträgen für die von der Schließung betroffenen Kollegen eifrig mithilft. Überhaupt: Ein Betriebsratsbeschluss (ja, so etwas schreibt tatsächlich das Betriebsverfassungsgesetz vor, liebe Frau P.) lag jedenfalls für diese ganzen Versetzungsgeschichtchen überhaupt nicht vor. Ergo ist davon auszugehen, dass die entsprechenden Änderungsverträge auch nichtig sind. Aber das wird wohl das Arbeitsgericht entscheiden müssen
(Der Vollständigkeit halber sei aber angemerkt, dass es auch im Betriebsrat einige wenige Kollegen geben soll, die durchaus die Interessen der Mitarbeiter vertreten. Nur sind diese leider in der Minderheit. Respekt aber von dieser Stelle, dass sie trotz all dieser Hindernisse weitermachen und sich bei Problemen für die Kollegen einsetzen. Danke! Wir brauchen definitiv mehr von euch!)

Und zu den "Arbeitnehmer-Belangen", die "für uns hohe Bedeutung" haben, wurde bereits von mir eingegangen. Die Mitarbeiter erst am Tag der (unangekündigten) Schließung mitzuteilen, dass die Filiale ab sofort dichtgemacht ist, zeugt wohl kaum davon, dass "Arbeitnehmer-Belange" eine "hohe Bedeutung" bei der Edeka-Tochter Netto haben.

6. "Durch die Schließung der City-Filialen in Göttingen gab es keinerlei Verschlechterung bei den Konditionen für die betroffenen Mitarbeiter".
Genau, die etwa 60 freigesetzten Kollegen der vier geschlossenen Filialen wurden einfach auf die übriggebliebenen drei Göttinger Filialen verteilt. Die haben damit jeweils etwa 20 Mitarbeiter zusätzlich. Ergebnis: Die Kollegen kriegen nicht genug Stunden, insb. die Geringfügigbeschäftigten stehen damit auf dem Schlauch, weil sie am Monatsende dann zu wenig Lohn in der Tüte haben. Aber auch die festangestellten Verkäufer werden mit weniger Stunden abgespeist. Bei Netto heißt das dann: "keinerlei Verschlechterung bei den Konditionen". (Und ich wette, die werden noch nicht einmal rot dabei, wenn die so etwas verbreiten.)

7. "Für uns ist es völlig egal, ob ein Mitarbeiter in der Gewerkschaft ist oder nicht. Bei Netto Marken-Discount gilt der Gleichbehandlungsgrundsatz unter Beachtung der jeweiligen Gesetze."
Hm, das mit den Gesetzen sollte Netto nicht so laut sagen, sonst nimmt das noch jemand für bare Münze und pocht auf Einhaltung. Zu den Jugendarbeitsschutz-, Gesundheits- und Arbeitsschutzgesetzen wurde ja oben schon einiges gesagt. Wie sieht es denn mit dem grundgesetzlichen Recht auf Koalitionsfreiheit bei Netto aus? Ist es nicht verwunderlich, dass es bundesweit nur in Göttingen vorgekommen ist, dass Filialen über Nacht geschlossen wurden? Und zwar nicht nur eine, sondern insgesamt vier (und ohne die öffentlichen Proteste von ver.di und vielen Unterstützern aus Politik und Gesellschaft wären es vermutlich noch mehr Schließungen geworden)! Gerade die Filialen in Göttingen, in denen ver.di Vertrauensleute gearbeitet haben. Die wurden nämlich im Februar 2012 als bundesweit erste ver.di Vertrauensleutestruktur bei Netto gewählt und haben seither Rechtsverstöße und Verstöße gegen den Tarifvertrag öffentlich gemacht haben. Da liegt es wohl nahe, anzunehmen, dass da ein gewisser Zusammenhang besteht und Netto sehr wohl zwischen "unorganisierter Mitarbeiter" und "aktives Gewerkschaftsmitglied" unterscheidet.
Außerdem sollte noch angemerkt werden, dass aus betriebseigenen Quellen das Gerücht im Unternehmen gestreut wurde, die Filialen seien "wegen ver.di" geschlossen worden. Die hätten zu viel Rambazamba gemacht. - Solchen Latrinenparolen glaubt zwar mittlerweile kaum mehr jemand, aber ein Versuch, die gewerkschaftlich Aktiven einzuschüchtern ist es allemal. Zumal sich bei Gerüchten die Ursprungsquelle immer schwer ermitteln lässt.

Alles in allem ein "alles supi, tolles Klima bei Netto"-Schreiben, das die bestehenden Probleme systematisch ausblendet oder bagatellisiert. Aber Netto Markendiscount ist halt kein pinker Ponyhof im Regenbogenland, sondern da sind echte Menschen, die jeden Tag ihre Knochen dafür hinhalten, dass der Laden am Laufen bleibt. Und diese Kollegen erwarten und fordern (zu recht!), dass die erkämpften Arbeitsgesetze und Tarifregelungen von der Unternehmerseite eingehalten werden und dass sie als Beschäftigte ihre gemeinsamen Interessen gewerkschaftlich im Betrieb vertreten können!


Nach oben
 Profil  
 
BeitragVerfasst: 05 Okt 2012, 11:00 
Offline

Registriert: 05 Okt 2012, 10:02
Beiträge: 6
Viel zu lesen..... :shock: aber sehr interessant....... und immer sachlich geblieben.... ich finde ein sehr guter Beitrag :!:

PS: es wäre auch schön, mal zu erfahren, wer ein BR Mitglied ist der sich noch einsetzt für seine Kollegen denn den könnte man ja bei der nächsten Wahl noch mehr unterstützen!!!!! ;)

_________________
Wer kämpft kann verlieren..... wer nicht kämpft hat schon verloren


Nach oben
 Profil  
 
BeitragVerfasst: 19 Okt 2012, 20:02 
Offline

Registriert: 04 Sep 2012, 15:37
Beiträge: 60
Wohnort: Osnabrück
Wenn ich den Brief von den lese platzt mir der Kragen. Der Betriebsrat vertrauensvoll und beratend zur Seite. Das ist der beste Witz den ich je gehört hab. Die hatten vorgefertigte Versetztungsanträge bei wo keine Unterschrift vom BR drauf war. Die müßten nämlich vorher ihr Gremium einberufen und drüber beraten, ging ja nicht wegen der Nacht und Nebel Aktion. Also sind die ganzen Versetztungen nichtig!!!!!!!!!!!!!
Der BR hätte ja was sagen können das es so nicht geht, Fehlanzeige!!!! Frau P. doch nicht !!!
Wegen so einen Brief von Netto lassen sich die ver.di Mitglieder von Netto eh nicht kleinkriegen :twisted:


Nach oben
 Profil  
 
BeitragVerfasst: 28 Jul 2013, 19:20 
Offline

Registriert: 28 Jun 2013, 18:44
Beiträge: 97
Was ist denn nun mit den Kollegen in den Filialen geschehen und der Brief war wofür wichtig?
Mir ist nicht klar, welches Ergebnis und welche Handlungen erwartet wurden?
Also ich bin nicht für Filialschließungen, aber das ist eine Entscheidung des Unternehmens.
Wirtschaftlich, politisch kann ich nicht beurteilen. Dennoch haben die Mitarbeiter Rechte.
Welche wurden wahrgenommen?
Alles sehr verworren.
Schade, denn es scheint, dass alle Seiten damit nicht umgehen können.


Nach oben
 Profil  
 
BeitragVerfasst: 26 Feb 2014, 21:49 
Offline

Registriert: 19 Sep 2012, 14:56
Beiträge: 12
Was sich heut Betriebsrat nennen darf ist schon ein Ding. Was die Kollegen betraf das tollen Angebote bekamen in die nächstgelegenden Filialen zu wechseln ist der Hohn schlechthin!!!
Die Versetzungsanträge waren bereits vorgefertigt aber nicht vom Gremium des Betriebsrates genehmigt wurden.
Der Betriebsrat stand definitiv nicht den Arbeitnehmern zur Seite bei den Schließungen sondern saß schön neben dem NVL und hat nichts wirklich dagegen gesagt oder die Arbeitnehmer unterstützt . Frau Pie.....war dabei und war nicht für die Arbeitnehmer da wie dieser Typ im Brief geschrieben hat. Man kann alles verschönern nur die reine Warheit nicht was da wirklich passiert ist :!: :!: :!: :!:


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 5 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de